Mit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine, erreichte Deutschland eine neue Welle der Geflüchteten. Dadurch wurden wieder Diskussionen über Willkommens- und Aufnahmekultur ausgelöst.

Über Migration und Integration in Deutschland фото 1

Es gibt vie­le Grün­de, war­um Men­schen ihre Hei­mat ver­las­sen und in ein ande­res Land aus­wan­dern. Man­che flie­hen vor dem Krieg und Gewalt. Ande­re sind auf der Suche nach einem bes­se­ren Leben, weil es in ihrem Hei­mat­land kei­ne beruf­li­chen Per­spek­ti­ven gibt. Eini­ge migrie­ren aus Neu­gier oder Abenteuerlust. 

Migra­ti­on ist kei­ne Erfin­dung unse­rer Zeit. Völ­ker­wan­de­run­gen, Umsied­lun­gen, Ver­trei­bun­gen: Frei­wil­lig oder unfrei­wil­lig waren die Men­schen schon immer in Bewe­gung gewe­sen. Auch Deutsch­land ist ein Ein­wan­de­rungs­land. Doch Migra­ti­on bringt jede Men­ge Her­aus­for­de­run­gen mit sich: Nicht nur für die Ein­ge­wan­der­ten, son­dern auch für die Aufnahmegesellschaft. 

Vertriebene und Gastarbeiter

Seit dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges erreich­ten Deutsch­land immer wie­der neue Zuwan­de­rungs­strö­me. In den letz­ten Mona­ten des Zwei­ten Welt­krie­ges und bis 1950 kamen nach Deutsch­land ca. 12 Mil­lio­nen Men­schen aus den ehe­ma­li­gen deut­schen Ost­ge­bie­ten, auch als Ver­trie­be­ne bekannt. Die­se Men­schen sind in den Kriegs­mo­na­ten vor der sowje­ti­schen Armee geflo­hen oder wur­den aus ihren ursprüng­li­chen Sied­lungs­ge­bie­ten ver­trie­ben. In Deutsch­land emp­fing man sie nicht unbe­dingt mit offe­nen Armen. Die Lage im Land nach dem Krieg war ver­hee­rend. Da emp­fand man die Ankunft von Mil­lio­nen geflüch­te­ter Men­schen aus dem Osten als eine zusätz­li­che Belastung. 

Als in Deutsch­land der Wie­der­auf­bau begann, waren die eige­nen Kapa­zi­tä­ten ziem­lich knapp. Aber auch spä­ter wur­den in vie­len Berei­chen der Wirt­schaft neue Arbeits­kräf­te benö­tigt. Zwi­schen 1955 und 1973 kamen so zahl­rei­che „Gast­ar­bei­ter“ ins Land. Die Zuge­wan­der­ten stam­men aus der Tür­kei, Ita­li­en, Spa­ni­en, Grie­chen­land, Por­tu­gal, Tune­si­en, dem ehe­ma­li­gen Jugo­sla­wi­en und sogar aus Süd­ko­rea. Ins­ge­samt kamen ca. 14 Mil­lio­nen „Gast­ar­bei­ter“ nach Deutsch­land. Die meis­ten von ihnen wan­der­ten nach einer bestimm­ten Zeit in ihre Hei­mat­län­der zurück. Etwa drei Mil­lio­nen blie­ben in Deutsch­land, hol­ten ihre Fami­li­en nach und haben sich hier ein neu­es Leben aufgebaut.

Aussiedler, Spätaussiedler und jüdische Kontingentflüchtlinge

Eben­falls in 1950er Jah­re begann der Zuzug der Deut­schen aus der Sowjet­uni­on. Nach dem Besuch von Kon­rad Ade­nau­er in Mos­kau im Jah­re 1955, wur­den nicht nur deut­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne in die Hei­mat zurück­ge­holt, son­dern es durf­ten auch die ers­ten deutsch­stäm­mi­ge Sowjet­bür­ger in die his­to­ri­sche aus­rei­sen, die in der Sowjet­uni­on auf­grund ihrer Her­kunft star­ken Repres­sa­li­en aus­ge­setzt waren. 

Der Zuzug der Deut­schen aus der Sowjet­uni­on wur­de in den 1960er Jah­ren unter­bro­chen und leb­te erst Mit­te der Sieb­zi­ger wie­der auf. Eine gro­ße Aus­wan­de­rungs­wel­le fand in den 1980er Jah­re statt sowie nach dem Zer­fall der Sowjet­uni­on in den Neun­zi­gern. Die­se Men­schen sind auch als Spät­aus­sied­ler bekannt. Aber auch aus Polen, Rumä­ni­en und Ungarn wan­der­ten vie­le deutsch­stäm­mi­ge Aus­sied­ler nach Deutsch­land ein. Heu­te kom­men immer noch Spät­aus­sied­ler nach Deutsch­land, aller­dings ist ihre Zahl mitt­ler­wei­le sehr gering. Die Spät­aus­sied­ler gel­ten übri­gens als eine der best­in­te­grier­ten Grup­pe in Deutsch­land. Man sagt auch, sie hät­ten sich „geräusch­los“ integriert. 

Auf der Flucht vor dem Krieg

Immer wie­der such­ten Men­schen, die vor dem Krieg geflo­hen waren, in Deutsch­land eine Zuflucht. Hier­zu­lan­de ist vie­len der Begriff „Boat-Peop­le“ nach wie vor unbe­kannt. Dabei han­delt es sich um Men­schen, die in über­füll­ten Boo­ten vor dem Krieg in Viet­nam einen Schutz gesucht haben. Ca. 40.000 sol­cher Boat-Peop­le hat Deutsch­land in den 70er Jah­ren aufgenommen. 

Lei­der bricht immer wie­der irgend­wo eine neu­er bewaff­ne­ter Kon­flikt oder ein Krieg aus. Des­halb kam es in Deutsch­land immer wie­der zu neu­en Zuwan­de­rungs­wel­len von Men­schen, die vor dem Krieg geflüch­tet waren. Unter ande­rem han­del­te es sich um Geflüch­te­te vor Jugo­sla­wi­en­krie­gen in den Neun­zi­gern (Bos­ni­en-Krieg, Kroa­ti­en-Krieg, Koso­vo-Krieg), aber auch nach 2015 aus Syri­en, Irak oder Afghanistan. 

Es leben in Deutsch­land vie­le Men­schen, die in ihrem Hei­mat­land Ver­fol­gung und star­ke Dis­kri­mi­nie­rung erfah­ren und um ihr Leben fürch­ten müs­sen. Es han­delt sich dabei um poli­tisch Ver­folg­te, oder zum Bei­spiel um Mit­glie­der der LGBTIQ-Community. 

Weitere Gründe

Vie­le Men­schen kom­men nach Deutsch­land wegen Aus­bil­dung, Stu­di­um oder Arbeit. Ab dem Jahr 2004 erfuhr Deutsch­land einen star­ken Zuwachs an Arbeits­kräf­ten aus Euro­pa, vor allem Spa­ni­en, Por­tu­gal, Polen, Rumä­ni­en und Ungarn. Jun­ge Men­schen aus der gan­zen Welt kom­men gern nach Deutsch­land, um hier stu­die­ren zu kön­nen. Man­che kom­men aus Neu­gier und Inter­es­se, um das Land, die Spra­che und die Kul­tur ken­nen­zu­ler­nen, sich künst­le­risch betä­ti­gen oder bestimm­te Pro­jek­te von Deutsch­land aus zu starten. 

Die ewige Frage nach der Integration

Jedes Mal, wenn eine neue Ein­wan­de­rungs­wel­le Deutsch­land erreicht, bre­chen auch neue Dis­kus­sio­nen über die Auf­nah­me­kul­tur los. Auch die Inte­gra­ti­on stellt immer wie­der eine Her­aus­for­de­rung dar. In der Ver­gan­gen­heit lei­der vie­le Feh­ler sei­tens der Regie­rung, der Gesell­schaft, aber auch sei­tens der Com­mu­nities selbst zuge­las­sen. Da bei vie­len die Rah­men­be­din­gun­gen eher ungüns­tig waren, ist die Inte­gra­ti­on nicht ganz erfolg­reich gelun­gen, oder in den schlimms­ten Fäl­len, gar nicht. So ent­stan­den auch regel­rech­te Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten, die sich von der Gesamt­ge­sell­schaft bewusst abkap­seln und ein Leben nach ihren eige­ne Regeln führen. 

Kein Universalrezept

Lei­der haben nicht alle Men­schen die glei­chen Start­vor­aus­set­zun­gen in Deutsch­land. Was die Inte­gra­ti­on betrifft, so gibt es lei­der kein Uni­ver­sal­re­zept, das auf alle Men­schen, die in Deutsch­land ein­wan­dern, ange­wen­det wer­den kann. Das Erler­nen der deut­schen Spra­che gilt als eine der Grund­vor­aus­set­zun­gen für eine erfolg­rei­che Inte­gra­ti­on. Man­che kom­men bereits mit Vor­kennt­nis­sen, für ande­re stellt die deut­sche Spra­che ein uner­gründ­li­ches Uni­ver­sum dar. Auch die Fra­ge nach der Aner­ken­nung der bis­he­ri­gen Schul‑, Stu­di­um- und Arbeits­leis­tun­gen erweist sich oft als sehr kom­pli­ziert. Was sich aber in den letz­ten Jah­ren bewie­sen hat, ist, dass die Inte­gra­ti­on von bei­den Sei­ten gewollt und ange­steu­ert wer­den muss, damit sie gelin­gen kann. 

Neid auf die Neuankömmlinge?

Ein gro­ßes Pro­blem ist übri­gens auch der Neid auf die Neu­an­kömm­lin­ge. Nicht nur sei­tens der Ein­hei­mi­schen, son­dern oft auch sei­tens der ande­ren Migran­ten­grup­pen. „Sie neh­men uns unse­re Arbeits­plät­ze weg.“ — „Wir wur­den aber nicht mit offe­nen Armen emp­fan­gen!“ — „Bei uns war alles viel schlech­ter.“ — „Wir haben nichts auf dem Ser­vier­ta­blett bekom­men, wir muss­ten uns alles erkämp­fen.“ Das sind Sprü­che, die Men­schen oft in ihrer Ver­bit­te­rung als Argu­ment brin­gen, war­um sie den Neu­an­kömm­lin­gen nicht wohl­ge­sinnt sind. Sol­che Stim­men wer­den auch jetzt laut, wäh­rend Hun­dert­tau­sen­de Geflüch­te­te aus der Ukrai­ne nach Deutsch­land kommen. 

Den­noch soll­ten wir die Tat­sa­che, dass Men­schen in Deutsch­land immer bes­se­re Rah­men­be­din­gun­gen für einen Start bekom­men, als posi­tiv betrach­tet. Denn unse­re Gesell­schaft ent­wi­ckelt sich eben­falls wei­ter. Wir ler­nen aus den Feh­lern der Ver­gan­gen­heit und set­zen die neu­en Erkennt­nis­se sinn­voll ein. 

Brückenbauer und Vermittler

Mag sein, dass die Will­kom­mens­kul­tur in Deutsch­land vor fünf, zehn, vor 20 oder 50 Jah­ren eine ande­re war. Doch es darf als eine erfreu­li­che Ent­wick­lung betrach­tet wer­den, dass die Gesamt­ge­sell­schaft ein Bewusst­sein dafür ent­wi­ckelt, wie schwer der Start in einem neu­en Land, ohne Spra­che und vor­erst ohne Per­spek­ti­ven, sein kann. Und dass sich Men­schen, Insti­tu­tio­nen und Behör­den zusam­men­schlie­ßen, um Neu­an­kom­men­den die­sen Start zu erleich­tern. Daher ist die­se Tat­sa­che eher ein Grund zur Freu­de und stolz auf die Fort­schrit­te in unse­rer Gesell­schaft zu sein. 

Die Men­schen, die selbst Migra­ti­ons­er­fah­rung gemacht haben, kön­nen übri­gens wun­der­bar als Brü­cken­bau­er und Ver­mitt­ler die­nen. Vor allem, wenn sie die sprach­li­chen Kennt­nis­se mit­brin­gen. Eine nega­ti­ve Erfah­rung soll­te das eige­ne Leben nicht bestim­men oder zu Ver­bit­te­rung füh­ren. Vie­le Men­schen haben sich die­se Erfah­run­gen und die Erkennt­nis­se dar­aus zu Instru­men­ten gemacht, um ande­ren Men­schen dabei zu hel­fen, in Deutsch­land schnel­ler Fuß fas­sen zu können. 

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Titelbild: www.pixabay.com

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